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Special
Interview mit Regisseur Darren Aronofsky

„Mickey Rourke musste ich peitschen und antreiben, aber bei Natalie muss man nur die Türe aufmachen … und sie kommt genau richtig rein.“
Wir sprachen mit Regisseur Darren Aronofsky über seinen neuen Film "Black Swan" in Berlin, als er sein neustes Projekt vorstellte.
Moviesection.de: Zu aller erst: Herzlichen Glückwunsch
zu den Golden Globe-Nominierungen für „Black Swan“. Sind sie
schon nervös?
Darren Aronofsky: Absolut!
Moviesection.de: Haben Sie mit den Nominierungen gerechnet?
Darren Aronofsky: Nein, ich hätte nicht gedacht, dass
„Black Swan“ ein Kandidat für große Auszeichnungen ist,
weil er viele Horrorelemente beinhaltet. Die Globe-Nominierungen lagen daher
weit außerhalb meiner Erwartungen.
Moviesection.de: Nach dem Screening bin ich davon überzeugt,
dass die OSCAR-Nominierung für Natalie Portman bald folgen wird. Glauben
Sie das auch?
Darren Aronofsky: Ich hoffe es wirklich sehr. Sie hat sehr
hart für diese Rolle gearbeitet und sie hat es sich verdient.
Moviesection.de: Im Vergleich zu Nina: Sind sie ein Perfektionist?
Darren Aronofsky: Im Vergleich zu Nina? Nein! (lacht) Der Perfektionismus
im Film ist aber auch ein anderer. Es geht in „Black Swan“ nicht
darum, ein Produkt zu erschaffen. In dem Film geht es um den Moment und darum,
in diesem Moment möglichst lebendig und frei zu sein. Das ist das Ziel
im Film. Mein Ziel als Filmemacher ist es, am Set sehr präsent zu sein,
um in jedem Moment die richtige Entscheidung zu treffen.
Moviesection.de: Wie haben Sie es geschafft Natalie Portman
zu einer solch großartigen und leidenschaftlichen Darbietung zu bringen?
Darren Aronofsky: Tatsächlich musste ich da nicht viel
machen. Mickey Rourke musste ich peitschen und antreiben, aber bei Natalie muss
man nur die Türe aufmachen … und sie kommt genau richtig rein. Sie
wusste genau, worin die Herausforderung bestand. Immerhin hat sie ein Jahr lang
hart trainiert, sechs Tage die Woche.
Moviesection.de: Um was geht es Ihrer Meinung nach in „Black
Swan“?
Darren Aronofsky: „Black Swan“ ist vieles in einem.
Es ist ein Coming-of-Age-Film, eine Geschichte über ein Mädchen, das
zur Frau wird. Gleichzeitig geht es aber auch darum eine Möglichkeit zu
finden, sich selbst auszudrücken. Es gibt viele Facetten, aber keine davon
ist wichtiger als die andere. Letztlich ist es nur eine Geschichte mit, wie
ich hoffe, vielen reichhaltigen Ideen.
Moviesection.de: „Black Swan“ erzählt die
Geschichte von Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“ nach. Obwohl
„Schwanensee“ weltweit bekannt ist, lassen Sie die wichtigsten Eckpunkte
der Geschichte zu Beginn des Filmes von dem künstlerischen Leiter der Ballettkompanie
nacherzählen. Warum?
Darren Aronofsky: Viele Leute kennen die Geschichte von „Schwanensee“
nicht. Viele wissen nicht einmal, dass es einen weißen und einen schwarzen
Schwan gibt. Das ist zumindest in Amerika so. Keiner weiß das dort.
Moviesection.de: Mögen Sie „Schwanensee“?
Darren Aronofsky: Ja, ich mag „Schwanensee“ sehr,
aber ich hasse den 3. Akt. Ich mag es nicht, wenn die verschiedenen Leute, aus
verschiedenen Ländern auf die Bühne kommen und ihre Folkloretänze
vorführen. (lacht) Da warte ich immer sehnlichst auf den 4. Akt. Der ist,
zusammen mit dem 2. Akt, auch der Beste.
Moviesection.de: Wann hatten sie den ersten Kontakt mit Ballett?
Darren Aronofsky: Meine Schwester war eine Balletttänzerin.
Ich wuchs in gewisser Weise also damit auf.
Moviesection.de: Wie haben Sie sich auf das Thema vorbereitet?
Darren Aronofsky: Es gab viele Quellen: Die Musik, Bücher,
Filme, Dokumentationen, andere Biografien.
Moviesection.de: Bei „Black Swan“ gibt einige
Gemeinsamkeiten zu Michael Hanekes „Die Klavierspielerin“.
Darren Aronofsky: Auf jeden Fall, wir haben den Film gesehen.
„Black Swan“ ist davon stark beeinflusst.
Moviesection.de: Waren Sie auch an der Entstehung des Drehbuches
zu „Black Swan“ beteiligt?
Darren Aronofsky: Ich habe sehr eng mit den Drehbuchautoren
zusammengearbeitet. Wir sind die einzelnen Entwürfe immer und immer wieder
miteinander durchgegangen. Aber ich sitze nicht alleine in einem Raum und schreibe.
Ich habe das früher gemacht, aber es ist mittlerweile schwierig für
mich geworden, die Zeit dafür zu finden. Außerdem gibt es Leute,
die darin viel talentierter sind als ich.
Moviesection.de: Wie ist das visuelle Design entstanden?
Darren Aronofsky: Ich habe eng mit den einzelnen Departements
zusammengearbeitet. Wir haben viel darüber geredet, wie wir an den Film
herangehen. Ideen wurden ausgetauscht, wodurch das Projekt langsam heranwuchs
und fortschritt.
Moviesection.de: Das klingt als seien Sie ihren Kollegen gegenüber
sehr loyal.
Darren Aronofsky: Wir sind ein Team, wir wissen was der andere
mag und wir wissen was von dem anderen zu erwarten ist. Wenn man damit beginnt
mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, verändern sich manche Sachen und
daraus entwickelt sich etwas Neues. Die Entstehung eines Filmes ist eine große
Kollektivarbeit. Jeder, egal ob Drehbuchautoren oder die Darsteller, hat seine
eigene Meinung oder Ansicht. Das ist gut. Ich meine, das ist genau das was ich
will.
Moviesection.de: Der ganze Film wirkt wie ein Tanz. Wann haben
Sie den Rhythmus des Filmes gefunden: Während dem Dreh oder bereits im
Vorfeld?
Darren Aronofsky: Ich glaube man findet den Rhythmus eines
Filmes, wenn man damit beginnt ihn zu konzipieren. Definitiv entwickelt sich
vieles vom Rhythmus und der Wirkung eines Films im Vorfeld, weil man es dort
noch richtig kontrollieren kann. Am Set bekommt man dann Stück für
Stück ein instinktives Gefühl dafür, wie manche Dinge funktionieren.
Moviesection.de: Was hat es mit den vielen Spiegeln in ihrem
Film auf sich?
Darren Aronofsky: Die Spiegel sind ein Hauptmotiv des Filmes.
Dafür gibt es zwei Gründe: Der erste ist, dass in jedem Ballettstudio
überall Spiegel sind. Ballerinas starren sich die ganze Zeit selbst an.
Sie schauen sich ihre Linie an, gucken wer sie sind und ob sie alles gut machen.
Sie sind komplett von ihrem Abbild besessen. Eine Ballerina hat einmal gesagt,
dass man in den Spiegeln immer eine Person sieht, die man liebt und gleichzeitig
hasst. Der zweite Grund ist, dass es in dem Film stark um Reflexionen, Doppelgänger
und Dopplungen geht. Wir wissen, dass wir das Element des Spiegels metaphorisch
sehr stark einsetzen, und dass Spiegel in einer Million Horrorfilmen vorkommen.
Wir haben uns nur gefragt, wie man es origineller und besser einsetzen kann.
Es macht einfach immer Spaß, wenn die Spiegel zum Einsatz kommen.
Moviesection.de: Die Beziehung zwischen Nina und ihrer Mutter
spielt in „Black Swan“ eine große Rolle. Warum haben sie Barbara
Hershey für die Rolle der Mutter ausgewählt?
Darren Aronofsky: Weil sie fantastisch ist! Ihre Rolle war
sehr eindimensional angelegt, aber wir haben hart daran gearbeitet, den Charakter
kompliziert und hoffentlich auch vieldeutig zu gestalten. Lange weiß man
nicht, ob sie gut oder schlecht ist. Am Schluss ist es ziemlich klar, aber man
darf dabei nicht vergessen, dass sie sich nur um ihre Tochter sorgt. Barbara
Hershey hat das toll gemacht, sie ist großartig.
Moviesection.de: Wie hängen „The Wrestler“
und „Black Swan“ zusammen?
Darren Aronofsky: Es ist ein Diptychon. Es gibt viele vergleichbare
Elemente: Es geht bei beiden Filmen um Künstler, die ihren Körper
einsetzen, um Kunst zu erschaffen und um zu unterhalten. Es geht um Leistung
und Darbietung. Was der 50 Jahre alte Wrestler und die sehr ambitionierte Tänzerin
gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie sich durch ihren Körper ausdrücken.
Ich versuche immer, meine Filme aus ähnlichen Perspektiven heraus zu drehen.
Aber es ist nicht meine Absicht, irgendwelche Labels zu platzieren. Ich bin
ein Filmemacher und als solcher versuche ich, interessante Geschichte zu erzählen.
Moviesection.de: Welche Idee kam Ihnen zuerst: Die zu „The
Wrestler“ oder die zu „Black Swan“?
Darren Aronofsky: Die Ideen kamen nahezu gleichzeitig. Als
ich von der Filmhochschule abging, hatte ich eine ganze Liste an Ideen für
Filme. „The Wrestler“ und „Black Swan“ standen beide
auf der gleichen Liste. Die beiden Filme entstanden in einem selben Moment:
Als ich vor 15 Jahren an einem Tisch in der Filmhochschule saß.
Moviesection.de: Als nächstes werden Sie „The Wolverine“
umsetzen. War es schon immer ein Traum von Ihnen, irgendwann einmal einen Comic
zu verfilmen?
Darren Aronofsky: Nein, ich bin kein Comicbuch-Mensch. Aber
ich bin einfach gespannt darauf, was passieren wird. Bislang habe ich noch nicht
damit angefangen an diesem nächsten Projekt zu arbeiten. Ich bin bis jetzt
damit beschäftigt gewesen „Black Swan“ fertigzustellen und
ihn herauszubringen. Ich habe schon viele Comic-Verfilmung abgewiesen, aber
bei „Wolverine“ glaube ich, dass das Timing richtig war.
© Text: Kathrin Lang, Moviesection.de